Übersättigung im Profifußball: Wie viele Zuschauer kommen zu Fußballspielen?

Bei vielen Freundschaftsspielen der deutschen Fußballnationalmannschaft – wie jüngst gegen England – sind in letzter Zeit einige Sitzplätze frei geblieben. DFB-Teammanager Oliver Bierhoff warnte bereits vor einer “Übersättigung” des Fußballs. Gibt es generalisierbare Treiber für die Beliebtheit einer Fußball-Partie? Ein kleines Experiment – abseits der großen Fußballbühne.

Insbesondere die Fußball-Bundesliga erfreute sich in den letzten Jahren einer großen Beliebtheit. Ausverkaufte Stadien stehen an der Tagesordnung und nicht selten sind die Tickets im freien Vorverkauf nur schwierig zu bekommen. In einem Szenario, wo die Meldung “Stadion ausverkauft” die Normalität darstellt und sich die Ticketpreise nicht flexibel zur Nachfrage ändern, ist es folglich schwierig, die Treiber der Zuschauerzahl zu ermitteln.

Aber schon in der Zweiten Bundesliga sieht es anders aus. Viele Vereine können ihr Stadion nur bei besonderen Partien füllen. In solchen Fällen sollte es möglich sein, durch eine Betrachtung der Spiele der letzten Jahre einige Intuitionen zu schärfen, welche Treiber es für die Attraktivität eines Spiels gibt. Für eine erste explorative Analyse beziehen wir zunächst die elf Vereine (außer den FC St. Pauli, da das Stadion regelmäßig ausverkauft ist) ein, die in den letzten zweieinhalb Jahren (Saison 2014/15, 15/16, 16/17) durchgehend in der Zweiten Liga gespielt haben:

  • VfL Bochum
  • Eintracht Braunschweig
  • Fortuna Düsseldorf
  • Greuther Fürth
  • 1.FC Heidenheim
  • 1.FC Kaiserslautern
  • Karlsruher SC
  • 1860 München
  • 1. FC Nürnberg
  • SV Sandhausen
  • Union Berlin

Sämtliche Heimspiele dieser Vereine werden zunächst in die Betrachtung einbezogen. Die zentrale Frage dabei: Wie erklären sich Unterschiede in der Zuschauerzahl? Um einen Unterschied zur “Normalität” zu definieren und diesen spielübergreifend vergleichbar zu machen wird jeweils die durchschnittliche Zuschauerzahl des Heimteams der letzten Saison genommen. Die Zuschauerzahl für jede Begegnung kann somit relativ eingeordnet werden.

Um generalisierbare Aussagen zu treffen, ist es zunächst einmal uninteressant, welcher Verein das Heimspiel hat. Zentral sind hingegen Informationen, welche die Partie im Vergleich zu anderen Spielen abgrenzen, primär also:

  • das Auswärtsteam
  • der Zeitpunkt der Partie

Innerhalb dieser zentralen Aspekte kann weiter spezifiziert werden. Um die “Attraktivität” des Auswärtsteams in Daten auszudrücken, können verschiedene Ansätze gewählt werden:

Das Auswärtsteam:

  • Anzahl der Mitglieder des Auswärtsteams/li>
  • Durchschnittliche Zuschauerzahl bei Heimspielen des Auswärtsteams
  • Entfernung des Stadions des Auswärtsteams zum Austragungsstadion (Einfluss auf Fanreiseverkehr)
  • Anzahl der Facebook-Fans
  • Position in der Ewigen Tabelle der Bundesliga
  • Position des Auswärtsteams in der Tabelle (im Verhältnis zum Heimteam, wird allerdings in diesem Datensatz zunächst nicht betrachtet)

Um das Datum der Begegnung besser einzuordnen, können folgende Aspekte betrachtet werden:

  • Wochenende (ja/nein)
  • Spieltag
  • Jahreszeit

Können diese Informationen dazu beitragen, Unterschiede in der Zuschauerzahl der Begegnung (im Verhältnis zur Normalität) zu erklären? Im Idealfall wird natürlich ein Modell konzipiert, welches nicht nur die historischen Daten erklärt, sondern so valide ist, dass es auch in der Zukunft (also für zukünftige Begegnungen) robuste Vorhersagen macht. Hierzu ist der aktuelle Datensatz allerdings zu begrenzt.

Möglich ist es aber, algorithmische Ansätze auf dem historischen Datensatz zu trainieren, um zumindest ein erstes Gefühl dafür zu bekommen, welche Faktoren möglicherweise in den letzten zweieinhalb Jahren ausschlaggebend für Fluktuationen in der Zuschauerzahl gewesen sein könnten.

Ansatz 1

Ansatz 2

Interessanterweise scheint also die Anzahl der Facebook-Likes mittlerweile mehr über die Attraktivität eines Vereins auszusagen, als dessen Mitgliederzahl oder Position in der Ewigen Tabelle der Bundesliga (Tradition). Dass die Distanz eine große Rolle spielt, ist eher weniger verwunderlich, zumal dies sowohl die Reisebereitschaft der Auswärtsfans erhöht, als auch sogenannte “Derbys” oftmals durch geographische Nähe geprägt sind.

Ein zweiter spannender Punkt ist, dass der Spieltag – also der respektive Zeitpunkt in der Saison – deutlich relevanter ist, als die Tatsache, ob das Spiel an einem Wochentag (primär Freitag oder Montag) oder am Wochenende stattfindet. Dies ist insofern aufschlussreich, als dass im Zuge der “Kommerzialisierung” des Fußballs immer mehr über eine Aufsplittung des Spieltags gesprochen wird. Bisher scheinen die Zuschauerzahlen in der 2. Bundesliga nicht maßgeblich durch den Wochentag der Partie beeinflusst zu werden. Gute Nachrichten für die DFL.

Warum ist das relevant?

In der aktuellen Form kann die Analyse zwar leichte Einblicke geben, allerdings sollten diese Einblicke mit Vorsicht genossen werden, da sie auf einem begrenzten Datensatz beruhen.

Gleichzeitig ist es möglicherweise eine falsche Annahme, dass lediglich die Attraktivität des Auswärtsteams und das Datum die entscheidenden Faktoren für Zuschauerfluktuationen sind. Die Dynamiken könnten zudem für jedes Heimteam unterschiedlich sein und nicht über elf Teams hinweg generalisierbar sein.

Für Fußballvereine kann jedoch – unabhängig davon – ein besseres Verständnis der Dynamiken hinsichtlich der Zuschauerzahlen nur hilfreich sein: Denn basierend auf solchen Einblicken, können Preispolitik & Kampagnen zielgerichteter gesteuert werden.

Wie in vielen Situationen sind nicht die analytischen Möglichkeiten das Problem, sondern die Datenverfügbarkeit: Auch für diese simple Analyse wurden Daten aus unterschiedlichen Quellen integriert. Bei höherer Datenabdeckung, versprechen auch die Insights valider zu werden. Die Kommerzialisierung des Fußballs wird als Entwicklung kaum aufzuhalten sein: Ein besseres Verständnis des Fußballfans kann zumindest dazu beitragen, diese Kommerzialisierung smarter und datengetriebener zu steuern.

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Niels Reinhard
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