Landwirtschaft und Data Science: Interview mit Robert Berendes – Teil 2

Data Science und Agriculture: Hier der zweite Teil des Interviews mit Robert Berendes, Venture Partner bei Flagship Ventures und ehemaligem Vorstandsmitglied von Syngenta

idalab: Der Aspekt der Datenverfügbarkeit ist sehr interessant. Wie verhalten sich hier die “großen Player”? Gibt es Bestrebungen, Systeme zu etablieren, die Zugang zu diesen Daten ermöglichen?

Robert Berendes: Die großen Player sind natürlich extrem daran interessiert, die Daten vom Feld zu nutzen. Den besten Datenzugang haben aktuell tatsächlich die Maschinenhersteller, weil deren Systeme auf dem Feld automatisch Daten erfassen können. Gleichzeitig verkaufen die Hersteller also auch Sensorik, mit der Daten über die Pflanzen gesammelt werden sollen. Es gibt Bestrebungen diese Datenerfassung zu systematisieren, aber die Daten verbleiben meist bei den Maschinenherstellern, nur gelegentlich gibt es Partnerschaften. John Deere hat beispielsweise gerade mit DuPont Pioneer kooperiert, damit die Daten auch im Saatgut-Bereich eingesetzt werden können. Aber das sind Einzelfälle.

idalab: Was versprechen sich Saatguthersteller von den Daten?

Robert Berendes: Letztlich ist die Logik folgende: Man braucht eine Bandbreite an Technologien, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Bestimmte Pflanzen reagieren unterschiedlich stark auf bestimmte Pestizide oder Dünger, und Schädlinge bilden über die Zeit Resistenzen. Wer zum Beispiel nur an Pestizid-Innovation arbeitet, kann irgendwann bestimmte Krankheiten nicht mehr bekämpfen. Das heißt integrierte Technologie hat einen echten Innovationsvorteil, weil sie Resistenzbildung rauszögert. Bei einem Blockbuster-Produkt, dessen Lebensdauer man so verlängert, redet man über Milliarden an zusätzlicher Wertschöpfung.

Die Innovationsgeschwindigkeit in dem Bereich ist zusätzlich nicht exponentiell. Mit einem einzelnen Tool stößt man deshalb unheimlich schnell an die Grenzen. Deshalb ist Data Science für die Kernstrategien in der modernen Agrarwelt auch so relevant: Es gibt hoch komplexe Anwendungen und Produkte, die man korrelieren muss, darum wird Digital Agriculture mehr und mehr als entscheidendes Tool gesehen, um hier erfolgreich zu sein.

idalab: Monsanto, ebenfalls ein Saatguthersteller, hat vor einigen Wochen für Schlagzeilen gesorgt, als ein Übernahmeangebot von Bayer kam. Grund für die hohe Bewertung soll auch die Technologie der “Climate Corporation” sein, ein Unternehmen das Monsanto 2013 erwarb. Ist das wirklich ein Treiber gewesen?

Robert Berendes: Hier will ich mich gerne kurz fassen. Die Technologie der “Climate Corporation” ist im wesentlichen “unproven”, die Firma ist eine der vielen, die im Bereich Digital Agriculture unterwegs sind. Ob hier wirklich die Innovation verborgen ist, bleibt abzuwarten.

idalab: Wenn wir über Innovation in der Landwirtschaft reden, scheint diese in einem R&D-lastigen Umfeld oft sehr kapitalintensiv zu sein. Wie nimmst Du das wahr, können kleine Firmen sich behaupten?

Robert Berendes: Es gibt aktuell unglaublich viel Geld, Milliarden an Venture Capital im Bereich Agriculture die zur Verfügung stehen. Aber dafür gibt es Bedingungen: Erstens, gute Ideen. Und zweitens, die Kombination von talentierten Leuten mit guten Ideen.
Man braucht definitiv weniger Geld als im Pharma-Bereich, der regulatorische Prozess ist zwar auch sehr langwierig und innovationsfeindlich; gleichzeitig ist der Prozess auf der Nicht-Pestizid-Seite viel einfacher und billiger. Wenn man im Bereich Digital Agriculture ist, kann man bereits mit einstelligen Millionenbeträgen agieren. Hier ist einiges möglich, ohne direkt hohe Kosten zu haben.

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idalab: Für zukünftige Entwicklungen scheint das Thema Data Ownership höchst relevant zu sein. Du sprachst an, dass die Maschinenhersteller hier eine gute Position haben. Wie wird sich das Geschäft mit Daten in diesem Bereich weiterentwickeln?

Robert Berendes: Meine Hypothese ist, dass der Data Input Bereich schnell kommoditisieren wird. Die Anzahl der Datenquellen wächst rasant, wenn wir allein nur neue Sensortechnologien anschauen oder auch die Möglichkeiten der Datenerfassung mit Drohnen betrachten. Das ist aber nicht direkt umsatzrelevant, da völlig unklar ist, wie viele Daten man in Zukunft brauchen wird. Meine Vermutung deshalb: Der Preis für Daten wird weiter zurückgehen. Ich sehe den größten Hebel in der Insight-Generierung, beim Bau der Algorithmen die zu wirklicher Wertschöpfung führen können. Sicherlich gibt es noch die Frage, was im Bereich Data Delivery passiert. Hier ist auch viel Bewegung, aber es gibt mehr Leute, die Apps bauen können, als Personen, die belastbare Algorithmen entwickeln.

idalab: Für euch als VC, was sind die drei Kriterien nach denen ihr investiert? Gibt es da etwas Agriculture-spezifisches?

Robert Berendes: Für uns gibt es ganz grob diese Komponenten:

Hat das Unternehmen einen bottom-up Ansatz? Also hat das Unternehmen die Interaktion zwischen der Pflanze und den Externalitäten in einer besonderen Weise entschlüsselt? Kernfrage dabei: Gibt es durch das Verständnis bzw. die Modellierung auf molekularer Ebene Insights, die der Farmer auch nicht durch Erfahrungswerte abbilden kann?
Woher kommen die Daten, die genutzt werden um echte Erkenntnisse zu generieren? Wenn man auf Daten angewiesen ist, die vom Provider jederzeit abgeklemmt werden können, hat man ein essentielles Problem mit dem eigenen Geschäftsmodell.
Welches Modell hat das Unternehmen, um seinen fairen Anteil an dem Gewinn durch die Insights zu bekommen?

idalab: Insbesondere der Punkt bezüglich des Geschäftsmodells ist interessant – mit welchem Framework denkst Du darüber nach?

Robert Berendes: Wenn man ein klassisches Software-Modell hat, dann zahlt der Bauer vielleicht einen Dollar pro Acre, aber hat das gesamte Risiko, ob deine große Erkenntnis, die du ihm verkaufst, sich auch materialisiert. Darum zahlt er auch so wenig und nicht die 30 Dollar, die jedoch angemessen wären, weil der Landwirt deinetwegen 100 Dollar mehr Ertrag hat.
Das ist die entscheidende Frage: Welches Geschäftsmodell hast du, das genau dies differenziert?

Da ist in der Industrie bisher kein echter Innovationsschritt da, weil das beherrschende Modell in der Agrarindustrie immer war: Der Bauer zahlt am Anfang der Saison, gegen eine Return-on-Investment Logik, die ihm vorab gezeigt wird (= “mit meinem Produkt machst du X mehr Ertrag, ich will davon x/4”). Der Anbieter nimmt also sein Geld am Anfang der Saison und der Bauer steht im Regen. Und in der Landwirtschaft meist im wahrsten Sinne des Wortes. Der Landwirt muss dafür Sorgen, dass dieser Mehrertrag, der ihm versprochen wurde, auch erwirtschaftet wird. Dieses Modell hat für Data Science Produkte aber natürlich massive Schwächen. Stell Dir vor, Du verkaufst nicht mehr ein physisches Produkt über dieses Modell, sondern eine Software. Da kratzt der Bauer sich nur am Kopf.

idalab: Abseits von eurem Portfolio: Was sind weitere spannende Firmen, von denen man im nächsten Jahr hören wird?

Ich nenne mal drei Firmen, die aus meiner Perspektive spannend sind, auch weil sie hinsichtlich der gerade angesprochenen Punkte einen interessanten Ansatz haben.

1. Farmers Business Network
Das Unternehmen ist aufgesetzt wie eine Kooperative, die versuchen durch das Einbinden und das Beteiligen von Farmern am Wachstum ein Community-Gefühl zu erzeugen. Die haben möglicherweise ein interessantes Geschäftsmodell entwickelt und könnten in diesem Digital Agriculture Bereich leicht einen Durchbruch erzielen, weil sie die Kunden ganz anders ansprechen, motivieren und aktivieren können.

2. AgBiome
Auch AgBiome hat ein interessantes Geschäftsmodell. Die arbeiten für verschiedene Partnerfirmen (u.a. Monsanto, Syngenta, etc.), aber lagern die Projekte in separate Unternehmenseinheiten aus. So werden die verschiedenen Projekte separiert und die Firma ist in der Lage mit einer Technologieplattform verschiedene Partner zu bedienen, die zugleich starke Wettbewerber für einander sind. AgBiome ist ebenfalls sehr innovativ aufgestellt im Hinblick auf Biopestizide.

3. VoloAgri
VoloAgri konzentriert sich auf Daten im Gemüsebereich. Gemüse ist ein sehr hochpreisiges Segment mit sehr hohen Margen in der Größenordnung 75-85%. Gemüsesaatgut ist sehr, sehr klein und hat spezielle Anforderungen in der Verarbeitung. Die Firma hat es geschafft, sehr systematisch kleine und mittelgroße Firmen im Gemüsesaatgut-Bereich aufzukaufen und quasi von 0 ein sehr wettbewerbsfähiges Unternehmen aufzubauen.

idalab: Robert, danke für das spannende und ausführliche Gespräch.

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Robert Berendes ist Partner bei der Beratung a-connect, Venture Partner bei Flagship Ventures, einem VC mit Fokus im Bereich Biotechnology und Agriculture, ausserdem Operating Partner beim Private Equity Haus Paine & Partners und Board Member u.a. bei AgBiTech, Indigo, und Verdesian Life Sciences.

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Paul von Bünau
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