Mit wem fahren wir eigentlich zur EM?

Kurze Analyse der EM- und WM-Kader Deutschlands seit 1954

Die gestrige Nominierung des endgültigen Kaders für die UEFA Fußball-Europameisterschaft in Frankreich von Joachim Löw hat einige Überraschungen gebracht. Zum Erstaunen vieler wurde Marco Reus (Borussia Dortmund) nicht nominiert, gleichzeitig wurde der aktuell verletzte Bastian Schweinsteiger (Manchester United) in den Kader berufen. Auch sonst sorgt die Nominierung des EM-Kaders stets für Diskussionspotential unter Fußball-Interessierten.

Wir haben die Kaderzusammenstellung aller großen Fußballturniere seit 1954 (also EM und WM) einmal in aller Kürze analysiert.

Der Kader für EM 2016 ist tatsächlich der Kader, in dem bisher die meisten Spieler für ein ausländisches Team spielen. In der Tat sind auch Schlüsselspieler wie Mesut Özil (Arsenal London) und Toni Kroos (Real Madrid) im Ausland unter Vertrag. Mit zehn Spielern, die im Ausland ihre Schuhe schnüren, “schlägt” der diesjährige EM-Kader den EM-Kader von 1992. Damals waren viele Spieler – wie Rudi Völler (AS Rom) und Jürgen Klinsmann (Inter Mailand) – insbesondere in Italien unter Vertrag. Interessanterweise war dieser bisherige Höchstwert nach der gewonnenen WM 1990 zu verzeichnen – genau wie in diesem Jahr nach dem WM-Titel in Brasilien vor zwei Jahren. Top-Spieler aus Deutschland sind aktuell im Ausland hoch im Kurs.

Anzahl der deutschen Nationalspieler bei ausländischen Vereinen pro EM / WM

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In dem diesjährigen EM-Kader sind also überdurchschnittliche viele Spieler im Ausland unter Vertrag. Aber aus welchen Verein kamen die Nationalspieler bei EM und WM bisher? Insgesamt stellten 65 Vereine Spieler für EM- und WM-Kader seit 1954. Dabei haben Vereine wie der 1. FC Köln, Borussia Mönchengladbach oder der Hamburger SV in den 70er und 80er Jahren viele Spieler gestellt, während die aktuelle Präsenz dieser Teams sich auf Jonas Hector (1.FC Köln) beschränkt. Andere Teams, wie der FC Bayern stellten regelmäßig Nationalspieler bei den großen Turnieren.

Anzahl der Spieler der jeweiligen Teams pro EM / WM

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In diesem Jahr ist allerdings der Anteil der FC Bayern München Spieler im EM-Kader mit 18,5% bei weitem nicht so hoch wie bei vorherigen Turnieren. Bei der EM 2012 betrug der Bayern-Anteil ganze 34,8%, bei der EM 1972 immerhin 33,3%. Obgleich sich also eine gewisse Bayern-Dominanz im Kader der Nationalmannschaft ausmachen lässt, ist diese aktuell nicht so ausgeprägt. Dies hat sicherlich auch damit zu tun, dass Spieler wie Philipp Lahm bereits aus der Nationalmannschaft zurückgetreten sind, obgleich sie beim FC Bayern Stammspieler sind. Zudem ist der Anteil deutscher Spieler in der FCB-Startelf unter Pep Guardiola nicht mehr sehr hoch gewesen.

Anteil der FC Bayern München Spieler im Kader von EM / WM

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Von den 18 Bundesligisten der Saison 2015/16 haben bisher nur 13 seit 1954 einen Nationalspieler für EM oder WM gestellt. Vereine wie Hoffenheim, Mainz oder Ingolstadt haben bisher keine Nationalspieler im jeweiligen Aufgebot des DFB-Teams gehabt. Aber auch Vereine wie der VfL Wolfsburg haben bisher nur drei Mal Spieler für EM ode WM abgestellt – und zwar André Schürrle und Julian Draxler (EM 2016) und Mike Hanke (WM 2006)

Anzahl der Nationalspieler pro EM / WM der aktuellen Bundesliga-Teams

(Saison 2015/2016)

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Darüber hinaus ist es noch interessant, sich die Präsenz von Spielern aus den Bundesliga-Teams, die in der jeweiligen Saison unter den Top 3 abgeschlossen haben, anzuschauen. Meister 1866 München hatte damals – trotz Meisterschaftsgewinn – mit Bernd Patzke nur einen Spieler im Aufgebot der WM 1966. Eine solch geringe Präsenz hatte der Deutsche Meister in den darauffolgenden Jahren nur noch einmal: 1998 wurde vom Meister 1. FC Kaiserslautern lediglich Olaf Marschall für die WM in Frankreich nominiert. Dieses Jahr (EM 2016) ist das Jahr, in dem Spieler der zweit- und drittplatzierten Teams der Bundesliga historisch am zweitwenigsten vertreten sind (13,04%). Nur bei der WM 1986 waren die beiden Team zusammen genommen noch weniger vertreten (bei der WM 2006 waren ebenfalls nur 13,04% der Spieler im Kader von den damaligen Zweitplatzierten & Drittplatzierten Werder Bremen und dem Hamburger SV).

Anteil der Spieler aus Top3 platzierten Bundesliga-Teams im EM-/WM-Kader in der jeweiligen Saison

(seit 1966)

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In diesem Jahr hat sich diese Konstellation auch deshalb ergeben, weil drei der vier Spieler, die aus dem erweiterten EM-Kader gestrichen wurden, dem Zweitplatzierten (Borussia Dortmund: Marco Reus) und Drittplatzierten (Bayer Leverkusen: Karim Bellarabi, Julian Brandt) der abgelaufenen Bundesliga-Spielzeit angehören. Dortmund ist jetzt nur noch mit Julian Weigl und Mats Hummels, Leverkusen lediglich mit Bernd Leno vertreten.

Der geringe Anteil von Spielern aus den Top3 der Bundesliga ist aber auch damit zu begründen, dass in diesem Jahr Spieler aus insgesamt 16 verschiedenen Teams nominiert wurden – ein neuer Top-Wert. Bisher war der Kader 1972 das letzte Mal ähnlich heterogen.

Anzahl der Spieler aus der Top3 der jeweils aktuellen Bundesliga-Saison

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Anzahl der repräsentierten Teams im Aufgebot für EM / WM

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Ob dies die EM-Chancen der deutschen Nationalmannschaft erhöht oder eher vermindert, bleibt natürlich weiterhin ungeklärt. Dafür müssen wir uns noch bis Mitte Juni gedulden.


Footnotes

  1. Betrachtet wird immer die Vereinzugehörigkeit zu Turnierbeginn. So wird Mats Hummels beispielsweise für die EM 2016 noch unter Borussia Dortmund geführt, obgleich der Wechsel zum FC Bayern München bereits bestätigt ist
  2. BC Augsburg wurde nicht mit dem FC Augsburg gleichgesetzt, deshalb werden die Spieler, die in der Nationalmannschaft bei EM/WM im Aufgebot waren nicht einzeln gelistet unter aktuellen Bundesliga-Teams
  3. Meidericher SV und MSV Duisburg werden separat gelistet
  4. Die europäischen Vergleichswettbewerbe 1960 und 1964, die noch unter dem Namen “Europapokal der Nationen” firmierten sind nicht Teil der Analyse
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Niels Reinhard
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Sport

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