Kann das jüngste Team bei der EM überhaupt den Titel holen?

Deutschland stellt bei der EM den jüngsten Kader – ein schlechtes Omen? Einblicke in die Altersstruktur der Nationalmannschaften bei Europameisterschaften seit 1996.

Nach Nominierung von Jonathan Tah – der für den verletzten Antonio Rüdiger in den deutschen EM-Kader rückt – stellt Deutschland nach 2012 auch in 2016 die jüngste Mannschaft für die Europameisterschaft. Damals war im Halbfinale gegen Italien Schluss, wie weit kommt das Team von Joachim Löw in diesem Jahr?

Fakt ist: in den letzten Jahren hat stets eine Mannschaft den EM-Titel geholt, dessen Spieler im Durchschnitt mindestens 27 Jahre alt waren, Griechenlands Team 2004 hatte gar das Durchschnittsalter von 28,85 Jahren. Das beste Abschneiden des jeweils jüngsten Nationalteams war lediglich das Halbfinale. Auch Deutschland scheiterte 2012 als – mit Abstand – jüngstes Team am Finaleinzug.

EM-Teams seit 1996: Durchschnittsalter & Resultate

 

Neues Jahr, neues Glück: In diesem Jahr kann die deutsche Nationalmannschaft also unter Beweis stellen, dass auch ein junger Kader fähig ist, Titel zu gewinnen. Deutschland stellt mit 25,81 Jahren den jüngsten EM-Kader, dicht gefolgt von England (25,84 Jahre) und der Schweiz (26,11 Jahre).

Dabei fällt auf, dass der deutsche EM-Kader sehr kompakt in seiner Altersstruktur ist: Kein Akteur ist jünger als 20 Jahre und Bastian Schweinsteiger ist mit seinen 31,84 Jahren der älteste Spieler. Die Schweiz hingegen hat beispielsweise mit Steve von Bergen einen 33-jährigen Spieler im Kader, dies wird jedoch durch drei 19-jährige Akteure ausgeglichen (Breel Embolo, Denis Zakaria, Nico Elvedi). Das älteste Team in diesem Jahr stellt übrigens Irland – 29,8 Jahre ist das irische Team im Durchschnitt, Shay Given feierte tatsächlich erst kürzlich seinen 40. Geburtstag.

Altersverteilung der EM-Teams 2016

 

Den Trend zu einer kompakteren Altersstruktur im deutschen EM-Kader lässt sich auch an folgender Übersicht erkennen. Während es bei den Europameisterschaften 2000, 2004, 2008 und 2012 noch eine große Streuung in der Altersstruktur gab, so ist dies 2016 nicht mehr der Fall. In der Tat gleicht die Altersstruktur dem EM-Kader 1996 – nur drei Jahre jünger im Durchschnitt.

Deutscher Kader ähnlich kompakt wie 1996 – Grund zum Optimismus?

Damals war René Schneider mit 23,35 Jahren der jüngste Spieler im Kader – zwanzig Jahre später ist es Jonathan Tah mit 20,33 Jahren. 1996 war Torhüter Andreas Köpke der älteste Akteur (34,24 Jahre), zu Beginn der EM 2016 wird Bastian Schweinsteiger als ältester Akteur im deutschen Kader 31,86 Jahre alt sein.

Altersstruktur der deutschen Nationalmannschaft bei Europameisterschaften

 

Dieser Trend zur Verjüngung lässt sich auch im Teilnehmerfeld der Fußball-Europameisterschaften seit 1996 nachvollziehen. Das Jahr 2000 hat dabei wohl für viele Mannschaften den Wendepunkt markiert. Für Deutschland war das damalige Vorrundenaus – auch im Hinblick auf die WM im eigenen Land sechs Jahre später – eine Art Weckruf, die Nachwuchsstrukturen wurden nach dem EM 2000-Debakel grundlegend erneuert. Deutschlands Altersschnitt mit 28,94 war damals sogar über dem Altersdurchschnitt des gesamten Teilnehmerfelds.

Bei den darauffolgenden Europameisterschaften (2004, 2008 und 2012) sank der Altersdurchschnitt über alle Team hinweg kontinuierlich und betrug 2012 nur noch 27,4 Jahre. Deutschland stellte vor vier Jahren mit einem Durchschnittsalter von 24,98 Jahren das jüngste Team – insbesondere die junge Garde um die U21-Europameister von 2009 wie Mesut Özil, Mats Hummels und Jerome Boateng aber auch der junge Mario Götze trugen maßgeblich zu diesem Altersschnitt bei.

Durchschnittsalter der Teams der EM

 

Durchschnittsalter Deutschland bei EM

 

Interessanterweise ist das Durchschnittsalter in diesem Jahr wieder gestiegen (+ 0,4 Jahre). So ist Deutschland zwar das jüngste Team, aber mit Russland, Irland, Tschechien und der Slowakei sind gleich vier Team im Teilnehmerfeld, dessen Altersdurchschnitt höher ist, als der des ältesten Teams bei der EM 2012. Ob sich dies positiv (mehr Erfahrung) oder negativ (weniger Schnelligkeit) auf die Qualität der Spiele auswirkt, bleibt abzuwarten.

Denn sobald ab morgen Abend der Ball rollt, sind die meisten Analysen und Vermutungen wahrscheinlich sowieso obsolet, denn: “wichtig ist auf’m Platz”.

Nach der EM ist vor der EM: Ein Hinweis zur mittelfristigen Planung

Aber natürlich gilt auch: die nächsten großen Turniere stehen vor der Tür und Planung ist der Schlüssel zum Erfolg. Für alle jungen Erwachsenen an dieser Stelle deshalb abschließend eine wertvolle Erkenntnis: Wenn ihr Kind einmal als Nationalspieler bei einer EM sehen wollen, sollte es im Januar zur Welt kommen (das sollte sich doch koordinieren lassen, oder?).

In der Tat, wenn man sich die Geburtsmonate aller Spieler der jeweiligen Europameisterschaften anschaut, so sieht sind Spieler, die im Januar geboren wurden, 2004, 2008 und 2012 am häufigsten vertreten gewesen. In diesem Jahr gibt es zwar am meisten Mai-Spieler, aber Januar-Spieler folgen direkt danach auf Platz 2. Dies bestätigt grundsätzlich die Erkenntnisse, die die ZEIT vor einem Jahr bereits bezogen auf deutsche Junioren-Nationalmannschaften berichtet hatte: anscheinend gibt es solche Tendenzen also auch auf gesamteuropäischer Ebene.

Prozentualer Anteil der in einem Monat geborenen Spieler bei Europameisterschaften

 

Vermeiden sollte man als Geburtsmonat übrigens unter anderem Juni und Juli. Das macht ja auch irgendwie Sinn: Schließlich ist dort ja alle zwei Jahre ein großes internationales Fußballturnier.

Contact the author
Niels Reinhard
+49 (30) 814 513-13
Subscribe
Share
Topics
Sport

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *