Pyrotechnik ist ein Verbrechen

Pyrotechnik wird von den Fanszenen in Deutschland aktiv eingesetzt. Manchmal ein schöner Effekt, oftmals ein gefährliches Unterfangen. Die öffentliche Diskussion über Pyrotechnik und Ausschreitungen bei Fußballspielen wird dabei lebhaft geführt – nicht erst seit den Vorfällen bei der Europameisterschaft in Frankreich.

In der letzten Woche haben verschiedene Zeitungen wieder Ranglisten veröffentlicht, in denen die deutschen Vereine mit den meisten Strafen vom DFB-Sportgericht gelistet sind. Doch wie aussagekräftig ist eigentlich eine Liste, die lediglich die vom DFB-Sportgericht verteilten Strafen summiert und den zweifelhaften Titel des “Randalemeisters” der Saison verleiht?

Wir versuchen in diesem Artikel, einen datengetriebenen Ansatz zur Diskussion um Pyrotechnik im Stadion zu beizutragen. Gleichzeitig ist es essentiell, mehr Daten über pyrotechnische Vorfälle zu sammeln und öffentlich zugänglich zu machen, um das Phänomen besser beurteilen zu können. (Details zur Vorgehensweise im letzten Abschnitt).

Wer zündet eigentlich Pyrotechnik? Und wo?

DFB-Strafe heißt nicht direkt Strafe für Pyrotechnik, denn es werden auch Strafen für Becherwürfe, Platzstürme oder ähnliches vergeben. Eine Analyse von pyrotechnischen Vorfällen ist jedoch am interessantesten, zumal von der organisierten Fanszene mit klarer Intention eingesetzt (im Gegensatz zum spontanen Becherwurf) und laut Stadionordnung verboten. Sämtliche ‘irrelevante’ Strafen herausgerechnet, steht Eintracht Frankfurt an der Spitze der Rangliste. In der Saison 2015/16 kommen auf den anschließenden Rängen der VfL Wolfsburg, Magdeburg und der 1. FC Nürnberg. Die Landkarte der meist bestraftesten Klubs zeigt gleichzeitig pyrotechisch-aktive Fanszenen in Nordrhein-Westfalen, die aber als einzelne Vereine – bis auf Borussia Dortmund – im Laufe der Saison keinen großen Strafen angesammelt haben.

Welche Vereine wurden für Pyrotechnik bestraft?

 

In welchen Stadien wird Pyrotechnik gezündet?

Viel interessanter jedoch als die Frage, welcher Verein die meisten Pyrotechnik-Strafen angesammelt hat, ist eine Übersicht, in welchen Stadien am meisten Pyrotechnik gezündet wurde. Denn dies könnte ein erster Schritt in Richtung einer Antwort zur Frage “Warum kommt es zu pyrotechnischen Vorfällen im Stadion?” sein.

Und tatsächlich bilden sich andere Schwerpunkte: So wurde beispielsweise in Darmstadt und Aue überdurchschnittlich intensiv gezündet, während die dort heimischen Klubs kaum DFB-Strafen gesammelt haben. Hinweise darauf, dass die Sicherheitskontrollen in diesen Stadien nicht hinreichend sind? Oder welche Faktoren haben einen Einfluss darauf, ob wirklich Pyrotechnik im Stadion gezündet wird?

Wann wird Pyrotechnik gezündet?

Grundsätzlich gibt es kaum einen signifikanten Unterschied zwischen zwischen 1. Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Bundesliga. Die Häufigkeit der pyrotechnischen Vorfälle ist zwischen 5% und 6,5% anzusiedeln, wobei in der dritten Bundesliga auch absolut am häufigsten Pyrotechnik gezündet wird.

Einen großen Unterschied gibt es jedoch zu Spielen im DFB-Pokal: Dort wurde gar in 18,25% der Fälle von einer Fanszene pyrotechnisches Material gezündet. Insbesondere in den ersten Pokalrunden sind viele Vorfälle zu registrieren gewesen. So ergibt es sich auch, dass ein verhältnismäßig hoher Teil der DFB-Strafen für Vorfälle im DFB-Pokal ausgesprochen wird. Insgesamt liegt die durchschnittliche Belastung mit DFB-Strafen im DFB-Pokal bei 4,020€ pro Spiel. Zum Vergleich: In der Bundesliga sind es nur 1,547€, in der 3. Liga lediglich 766€.

DFB-Pokal als Pyrotechnik-Bühne

Liga Strafe Vorfälle Häufigkeit Durchschnittl. Strafe pro Spiel
Bundesliga 473,500€ 32 5.23% 1,547€
2. Bundesliga 339.833€ 37 6.05% 1,111€
3. Bundesliga 291.000€ 49 6.45% 766€
DFB-Pokal 253.250€ 23 18.25% 4,020€
Relegation 145.917€ 9 45.00% 14,592€
Freundschaftsspiel 20.000€ 1

 

Ergänzend hinzuzufügen: Mehr als ⅔ der ausgesprochenen DFB-Strafen sind auf Spiele zurückzuführen, die ausverkauft waren. Eine bestimmte Tendenz bezüglich präferierten Spieltagen lässt sich nicht herauslesen.

Emotionen respektieren – Pyrotechnik legalisieren?

In der Diskussion um Pyrotechnik wird von Befürwortern oft ins Feld geführt, dass dies ein legitimes Ausdrucksmittel für die Emotionen der beteiligen Fußballfans sei und zur Atmosphäre im Stadion beitrage. Eine groß angelegte Kampagne trägt gar den Namen “Emotionen respektieren – Pyrotechnik legalisieren”. Gibt es Hinweise darauf, dass Spiele mit pyrotechnischen Vorfällen besonders ‘emotionsgeladen’ sind?

Wenn man die tabellarische Platzierung der jeweiligen Teams bei Spielen mit pyrotechnischen Vorfällen anschaut, sieht man tatsächlich, dass sich diese Vorfälle hauptsächlich bei Spielen ereignen, bei denen die Teams lediglich 1-3 Tabellenplätze trennt. Die pyrotechnischen Vorfälle der Saison 2015/16 sind hingegen nur sehr selten bei solchen Spielen zu verzeichnen gewesen, bei denen die Teams tabellarisch sehr weit (11 oder mehr Tabellenplätze) von einander entfernt waren.

 

Bei tabellarisch brisanten Konstellationen, scheint also auch ein höheres Aufkommen von Pyrotechnik zu registrieren sein. Neben der tabellarischen Situation trägt oft auch eine lokale Rivalität zur Brisanz von Fußballspielen bei – so die landläufige Überzeugung. Die Derbys zwischen Hamburg und Bremen oder Dortmund und Schalke sind stets als Hochsicherheitsspiele eingeordnet. In der Tat, die DFB-Stafen für pyrotechnische Vorfälle sind besonders bei solchen Spielen zu verzeichnen gewesen, bei denen die beiden Teams weniger als 200km entfernt liegen. Spiele, bei denen die beiden Team mehr als 200km auseinander liegen, kommen zwar immer noch für knapp 50% der DFB-Strafen auf, sind aber deutlich verteilter auf verschiedene Distanzen (zur Erklärung der Graphik siehe letzter Absatz).

 

In den Daten lässt sich so zumindest ansatzweise nachvollziehen, dass Pyrotechnik insbesondere in emotional aufgeladenen Spielen eingesetzt wird. Aber bringt der Einsatz von Pyrotechnik überhaupt etwas, also: gewinnt das Team, welches vom Fananhang mit Pyrotechnik unterstützt wird?

In der Saison 2015/2016 sind tatsächlich mehr Siege für die Vereine in den Spielen zu verzeichnen, bei denen die Fanszene pyrotechnisches Material eingesetzt hat (und dafür vom DFB-Sportgericht bestraft wurde). Dies allerdings nur in einem sehr geringen Maße. Und hier handelt es sich natürlich weder um eine Korrelation, noch um eine Kausalität. Lediglich um eine Beobachtung. Was jedoch zudem zu attestieren ist: Selbst wenn mehr Siege eingefahren wurden, so wurden pyrotechnische Vorfälle im Fall von Siegen auch stärker bestraft. Ein möglicher Vorteil, wird also gleichzeitig durch einen massiven finanziellen Nachteil aufgewogen.

Denn für den DFB bleibt Pyrotechnik ein Verbrechen – und dementsprechend wird es weiterhin riguros bestraft. Um das “Verbrechen” besser zu verstehen und bessere präventive Maßnahmen zu entwickeln, wird es essentiell sein, die Daten zu Vorfällen intensiv zu analysieren. Öffentlich zugänglich gibt es leider kein Datenset, welches in diesem Hinblick weitere Analysen ermöglicht. Im Hinblick auf den massiven finanziellen Schaden den Vereine durch pyrotechnische Aktivitäten ihrer Fans zu tragen haben sollte es grundsätzlich im Sinne aller Beteiligten sein, Gefährdungen besser zu identifizieren, vorherzusagen und entsprechende Präventionsmaßnahmen zu konzipieren.

—— UPDATE: 22.07.2016 ——–

Auf vielfache Anregung hin, haben wir noch eine Aufstellung des Zeitpunkts der jeweiligen Spiele erstellt, um zu sehen, ob es präferierte Uhrzeiten gibt. Wie ersichtlich sind 13.30 Uhr (Standardanpfiff für 3. Liga) und 15.30 Uhr (Standardanpfiff für die 1. Bundesliga) Hauptzeiten, aber überdurchschnittlich oft wird auch in den Abendstunden gezündet. Im Anbetracht der Seltenheit von 20.30 Uhr-Spielen (primär Freitagabend-Ligaspiele und DFB-Pokal) ist dies ein interessanter Einblick. In der zweiten Liga scheinen insbesondere Spiele mit 18.30 Uhr Anpfiff beliebt zu sein.

 

 

Methodologie

Im Rahmen der Analyse wurden nur solche DFB-Strafen betrachtet, die sich explizit auf pyrotechnische Vorfälle (Pyrotechnik, Böller, bengalische Feuer, Rauchtöpfe etc.) beziehen. Grundlage des Datensets sind die Meldungen des DFB-Sportgerichts zu den einzelnen DFB-Strafen, gleichzeitig haben wir parallel auch mit den Daten vom Pyrometer gearbeitet.

Eine grundsätzliche Problematik bei der Analyse der DFB-Strafen ist, dass das Strafmaß für verschiedene Vorfälle kumuliert vergeben wird. Einem einzelnen pyrotechnischen Vorfall ist somit schwerlich eine genaue Strafhöhe zuzuordnen. Wir haben hierzu das Strafmaß durch die Anzahl der explizit genannten Vorfälle geteilt und so jedem Vorfall eine Summe zugeordnet, die unter Umständen aber nicht dem unterschiedlichen Schweregrad des Vorfalls gerecht werden kann. Gleichzeitig ist es beim DFB-Urteil vom 13.11.2015 beispielsweise so, dass Preußen Münster zu einem Zuschauer-Teilausschluss verurteilt wird. Unser Vorgehen kann den finanziellen Schaden für den jeweiligen Verein in diesem Fall nicht bemessen.

Hinzuzufügen ist ebenso, dass in einigen DFB-Urteilen bestimmte pyrotechnische Vorfälle erwähnt werden, die aber nicht näher spezifiziert werden. So lässt sich die Analyse nur auf die gravierenden, im DFB-Urteil genannten Vorfälle anwenden.

Alle Angaben und Daten ohne Gewähr.

Hinweise zu den einzelnen Graphiken

Geographische Verortung: Die erste Graphik zeigt die jeweiligen kumulierten Strafmaße für pyrotechnische Vorfälle pro Verein. In der zweiten Graphik ist das jeweilige Strafmaß dem Ort (Verein) zugeordnet, in dessen Stadion sich der korrespondierende Vorfall ereignet hat. In diesem Fall gibt es zwei Besonderheiten bzw. Strafmaße die nicht berücksichtigt wurden. Das Freundschaftsspiel von Eintracht Frankfurt gegen Leeds United (DFB-Urteil vom 23.09.2015) und das DFB-Pokalfinale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund (DFB-Urteil vom 08.07.2016) sind hier herausgerechnet, weil beide Spiele nicht im Stadion eines beteiligten Vereins stattfanden.

Tabelle Vorfallshäufigkeit: Die Tabelle zeigt die Strafen aufgeteilt nach jeweiligem Wettbewerb. Da in jedem Spiel theoretisch zwei Vorfälle zu registrieren wären (Heim- und Auswärtsteam können pyrotechnisch aktiv werden), wird die Häufigkeit der Vorfälle auch im Falle der 1. Und 2. Bundesliga als Anzahl Vorfälle geteilt durch 612 (2 Mal 306 Spiele pro Saison) gerechnet. Für den DFB-Pokal ergibt sich die gleiche Rechnung, allerdings mit 63 Spielen. Für die Relegation mit 10 Spielen, für die 3. Bundesliga mit 380 Spielen. Die durchschnittliche Strafe pro Spiel bezieht sich dann wieder auf die Analyseebene “Spiel”, weshalb die Summe der Strafen pro Spielklasse jeweils durch die Anzahl der Spiele geteilt wird.

Tabellarische Konstellation: Die Berechnung der Differenz der Tabellenplätze erfolgt gemäß der Platzierung nach dem jeweiligen Spiel. Dies mag zunächst analytisch nicht korrekt klingen, hat allerdings pragmatische Gründe, die bei der Dateneinpflege zu beachten waren. Nicht betrachtet wird, welche durchschnittliche tabellarische Differenz es zwischen Teams über die Gesamtheit der Saison hinweg gibt.

Geographische Distanz zwischen Vereinen: Die Distanzen wurden zwischen den jeweiligen Latidude und Longitude Daten des jeweiligen Stadions (der Geschäftsstelle) berechnet. Alle Strafmaße von Spielen mit einer Distanz unter 100km wurden kumuliert, in jeweiligen 100er-Intervallen ist die Graphik strukturiert. Nicht betrachtet wird natürlich, welche durchschnittliche Distanz es zwischen Teams über die Gesamtheit der Saison hinweg gibt.

Wie kann die Analyse besser werden?

Im Rahmen der Analyse haben sich viele Schwierigkeiten aufgetan, die bereits anklingen haben lassen, welche Daten zu pyrotechnischen Vorfällen im deutschen Fußball interessant wären:

  • Vollständige und detaillierte Auflistung der pyrotechnischen Vorfälle pro Spiel mit weiteren Details wie Spielminute etc. (existiert unseres Wissens bisher nicht öffentlich verfügbar, aktuelle Veröffentlichungen vom DFB-Sportgericht sind kumuliert und beinhalten nur sporadisch Informationen)
  • Bessere Zuordnung des Strafmaßes zu den betrachteten Fällen vom DFB-Sportgericht, sodass monetäre Konsequen einem jeweiligen Vorfall zuzuordnen ist
  • Abschätzung, wie groß der finanzielle Schaden eines Teilausschlusses sein soll (bzw. Vom DFB-Sportgericht anvisiert wird)

Bei solchen detaillierten Daten auf Spielebene ließen sich weitere Analysen, auch Saisonübergreifend, durchführen die ein besseres Verständnis des Phänomens Pyrotechnik ermöglichen würden.

 

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Niels Reinhard
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Topics
Sport

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