Auf dem Weg zu einer nationalen KI-Strategie

Die Stiftung Neue Verantwortung hat jüngst eine Empfehlung für eine deutsche KI-Strategie in Form eines Diskussionspapiers herausgegeben. Hintergrund ist das Bestreben des Think Tanks, den gegenwärtigen Arbeitsprozess der Bundesregierung zum Thema KI-Strategie durch Experten-Input zu unterstützen und zu ergänzen. Paul von Bünau, Geschäftsführer der idalab GmbH, hat als einer der inhaltlichen Berater an dem Papier, das den Titel “Eckpunkte einer nationalen Strategie für Künstliche Intelligenz” trägt, mitgewirkt.

Warum braucht Deutschland eine nationale KI-Strategie?

Nachdem bereits einige Länder weltweit, darunter China, die USA, Japan, Finnland und Anfang April 2018 auch Frankreich nationale KI-Strategien formuliert haben, sieht sich die Bundesregierung zu Recht in der Pflicht, auf der Weltbühne der KI-Vorreiter nicht länger durch Abwesenheit zu glänzen, sondern die Zukunft dieser disruptiven, epochalen Technologie aktiv, und Seite an Seite mit seinen europäischen Partnern, mitzugestalten.

Dabei ist die durch KI zu erwartende, gesellschaftliche Umwälzung in etwa so umfassend einzuschätzen, wie seinerseits die Elektrifizierung oder der Verbrennungsmotor. Doch wo im Zuge der Industrialisierung handwerkliche Arbeit mechanisiert wurde, hat KI nun die Automatisierung geistiger Arbeit zum Ziele. Das heißt, überall dort, wo Menschen nicht konzeptionell, kreativ, strategisch und intuitiv arbeiten, sondern Ergebnisse abliefern, die mittelfristig maschinell reproduzierbar sind, ist mit starken Einschnitten in den Arbeitsmarkt zu rechnen. Den Verlauf und die gesellschaftlichen Implikationen dieser Entwicklung nicht dem Zufall zu überlassen, sondern ihr vorausschauend zu begegnen, muss daher das Gebot der Stunde sein.

Hierfür muss Deutschland einerseits für sich gesehen Ziele formulieren und an deren Umsetzung planvoll herantreten. Andererseits ist die Bewusstwerdung Deutschlands über eigene Interessen im Bereich KI vor allem auch Diskussionsgrundlage, um gemeinsam mit Frankreich den europäischen Dialog voranzutreiben. Dessen Zweck wiederum sollte es sein, zum staatskapitalistischen Ansatz Chinas und zum stark am Markt orientierten Silicon Valley eine dritte Position anzubieten, die in der Lage ist, den Brain-Drain, die Abwanderung der Fachkräfte, zu stoppen oder sogar umzukehren. Es ist jetzt entscheidend, als europäische Wertegemeinschaft daran mitzuwirken, welche Potentiale von KI mit welchem Zweck verwirklicht werden, und so die Art und Weise wie KI die Zukunft beeinflussen wird, nicht einfach anderen zu überlassen.

Schaffung eines intakten, dynamischen KI-Ökosystems

Derzeit stehen für die Bundesregierung regulatorische und ethische Fragen, sowie Forschungsförderung im Mittelpunkt der Überlegungen zur KI-Strategie. Die Stiftung Neue Verantwortung plädiert in ihrem Papier jedoch dafür, sich nicht nur auf die Erforschung von Technologien zu fokussieren, sondern sich darum zu bemühen, Grundlagen für ein international wettbewerbsfähiges KI-Ökosystem zu schaffen. Dem Ökosystem-Ansatz liegt die Annahme zugrunde, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb um KI-Entwicklung nur bestehen kann, wenn der sich gegenseitig befruchtende Austausch zwischen Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft das Ziel aller staatlich organisierten Bemühungen ist. Aus diesem Austausch entsteht aus Sicht der Autorinnen Innovation und nicht, hemdsärmelig ausgedrückt, daraus, dass durch die Politik lediglich mehr Geld für die Forschung bereitgestellt wird – auch wenn dies durchaus einer unter mehreren entscheidenden Faktoren sein wird.

Zentrale Bausteine eines KI-Ökosystems

1. KI-Forschung: Mit dem Ziel, führende Expertinnen in Deutschland zu halten oder nach Deutschland zu holen, stellen die Autorinnen auf die Wichtigkeit der Verbesserung der Forschungsbedingungen in Deutschland ab. Hierfür müssen Forschungsausgaben dringend steigen, aber auch der Austausch zwischen Forschung und Wirtschaft hinsichtlich potenzieller Anwendungsgebiete verbessert werden.

2. Ausbildung von KI-Kernkompetenzen: Diese sollten nicht nur in der Informatik, sondern auch in weiteren naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen, sowie an Fachhochschulen vermittelt werden.

3. Da Daten als Rohstoff der KI-Entwicklung ein unverzichtbares Element einer umfassenden Strategie darstellen, wird auch die Bedeutung von Datenpools, Nutzungsmöglichkeiten anonymisierter und synthetisierter Daten zu Trainingszwecken sowie der Entwicklung “datenarmer” KI besonders betont.

4. Infrastrukturanforderungen für KI: Da Rechenleistung für Deep Learning ein entscheidender Faktor ist, muss der mittel- und langfristigen Zugang deutscher Forscher zu leistungsstarker Hardware gewährleistet sein.

5. KI-Entwicklung und KI-Einsatz in der Wirtschaft fördern: Staatlich geförderte KI-Labore, in denen Unternehmen kostengünstig mit KI experimentieren können, sollen verhindern, dass der deutsche Mittelstand vom Fortschritt durch KI ausgeschlossen wird.

6. Gesellschaftliche Dimension von KI: Ethische und regulatorische Fragen zu besprechen, darf nicht nur auf der politischen Agenda stehen. Die Gesellschaft muss mitgenommen, KI-Kompetenz und Technologie in die Breite getragen werden.

7. Die nationale KI-Strategie international denken: Deutschland und Europa sollen sich ihrer industriepolitischen Interessen bewusster werden und bei der Entwicklung ihrer KI-Strategien berücksichtigen. Die angestrebte Kooperation mit Frankreich bietet die Chance, beide Länder zum Motor einer europäischen KI-Strategie zu machen.

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Das Diskussionspapier ist am 30. Mai 2018 erschienen. Es steht für alle Interessierten auf der Webseite der Stiftung Neue Verantwortung zum Download bereit.

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Hannah Martin
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