Legal Tech: Wie wird die Digitalisierung des Rechts vonstattengehen? Noch haben wir die Wahl!

Nach der Kommunikationsbranche, der Wirtschaft und der Industrie hat die Digitalisierung mittlerweile unverkennbar auch das Recht erreicht. Dass diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist, bestreitet eigentlich keiner. Unklar ist, was genau passieren wird und wie lange es dauern könnte bis was auch immer, in welcher Form auch immer, eintritt.

Klar ist jedenfalls: Über Nacht wird sich die Branche nicht verändern, denn bereits die Einbindung von bestehender Legal Technology in die juristische Arbeit ist ein aufwendiger Prozess. Anwälte und ihre Mitarbeiter müssen im Umgang mit neuer Software geschult werden, müssen, je nach Kanzlei, überhaupt erst einmal anfangen sich von ihren dicken Papierakten zu trennen, müssen, wie man bei tiefergehender Beschäftigung mit den grassierenden Denkansätzen in der Szene herausfindet, teilweise neue Sichtweisen auf juristische Texte lernen. Atomisierung ist hier das Stichwort. Aber davon in einem unserer nächsten Posts mehr.

Von aktuellen Anwendungen einmal abgesehen muss man jedoch auch klar sagen, dass es noch viel Luft nach oben gibt. Softwarelösungen, welche die Kanzleien, Rechtsabteilungen und Unternehmen in ein neues Zeitalter befördern sollen, müssen zu großen Teilen nämlich erst noch entwickelt werden. Stephan Breidenbach, Jurist, Mediator, Hochschullehrer und Unternehmer, hat es auf der ersten Berlin Legal Tech Konferenz, die dieses Jahr im Februar stattfand, auf den Punkt gebracht: „Wir müssen eine Entscheidung treffen. Wollen wir geschehen lassen, oder gestalten?“

Eben weil die Digitalisierung des Rechts nicht mehr aufzuhalten ist, stellt sich genau diese Frage jedem juristisch tätigen Menschen auf der Welt. Unabhängig davon, ob man die Entwicklungen mit Spannung, Grauen, Neugier, oder Hoffnung betrachtet, eines geht hier gar nicht: Desinteresse. Oder anders gesagt: Auseinandersetzung ist in jedem Fall das Gebot der Stunde. Wo man bei seiner Recherche ansetzen kann und wo man an tiefer gehenden Input kommen könnte, haben wir hier überblicksartig zusammengestellt. Selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben!

1. Rechtshandbuch Legal Tech – Klassische Lektüre ist immer noch effektiv.

Einschlägige Literatur zum Thema Legal Tech gibt es bereits – und wie so oft handelt es sich beim Blick ins Buch immer noch um die einfachste und effektivste Möglichkeit, sich den Einstieg in ein weites Feld wie das der Legal Technology zu erleichtern, oder bestehendes Wissen zu vertiefen. Ein vielversprechendes Werk, das im Februar 2018 im C.H.Beck Verlag erscheinen wird, und zu dessen Autorenteam auch Paul von Bünau zählt, heißt schlicht Rechtshandbuch Legal Tech. So pragmatisch und schnörkellos wie sein klangvoller Titel ist auch sein Inhalt: Neben einer übersichtlichen Darstellung der aktuellen Veränderungen im Rechtsmarkt, werden zahlreiche Anwendungsbeispiele aus der Praxis, sowie Trendanalysen für die kommenden 10-15 Jahre präsentiert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Bereiche Industrialisierung (Standardisierung), Künstliche Intelligenz (Machine Learning) und Vernetzung (Blockchain) gelegt. Wer wissen will, was heute schon möglich ist und was die Zukunft bringen könnte – und was wahrscheinlich nicht – für den empfiehlt sich sicherlich der Erwerb eines Exemplars.

2. Workshops, Konferenzen, Beratung & Entwicklung – Das Legal Tech Center

Was aber sind Plattformen und Foren, wo man sich informieren, mehr erfahren oder sogar mitmachen kann? Und geht mitgestalten überhaupt, wenn man von Programmieren keine Ahnung hat?

Laut Stephan Breidenbach und Florian Glatz geht das. Die beiden sind Gründer und Leiter des Legal Tech Centers, welches an der Viadrina Universität Frankfurt Oder beheimatet ist. Im Februar 2017 richteten sie das erste Mal die „Berlin Legal Tech“ aus: eine Kombination aus Hackathon und Konferenz. Hier wurden die Teilnehmer zu Beginn des zweitägigen Experiments in drei Gruppen eingeteilt: reine Juristen, reine Developer und sogenannte „Legal Engineers“ – Menschen, die sowohl Juristen sind, als auch programmieren können und somit die Fähigkeit haben, zwischen den beiden Kernkompetenzen, die in der Legal Technology verschmelzen müssen, zu übersetzen. Die Berlin Legal Tech Konferenz soll in Zukunft einmal im Jahr stattfinden. Frühes Anmelden empfiehlt sich aber, denn letztes Mal war die Konferenz schnell ausverkauft und viele Interessierte konnten die Ergebnisse nur aus der Ferne verfolgen.

3. LEVERTON – Effizientes Dokumenten Management dank intelligenter Informationsextraktion

Die Berliner Firma LEVERTON setzt seit 2012 Natural Language Processing (NLP) und Machine Learning Technologie ein, um die Prüfung von rechtlichen Dokumenten, beispielsweise Mietverträgen, zu vereinfachen. Rechtlich bindende Elemente der Schriftsätze werden durch die LEVERTON Software automatisch extrahiert und kategorisiert, was zu einem beträchtlichen Zeitersparnis bei der Dokumentenprüfung führen soll. Für seine wegweisende Technologie hat LEVERTON 2017 den renommierten CoreNet Global Innovator’s Award gewonnen.

4. Legalese – „What Adobe has done for Art & Design, Legalese will do for Law“

Noch einen Schritt weiter geht das open-source Projekt Legalese des aus Singapur stammenden Softwareentwicklers und Juristen Meng Weng Wong. Sowohl mit Meng Weng Wong, als auch mit seinem Legal Tech Projekt, sollte man sich als jemand der in Richtung Legal Tech denkt, früher oder später einmal beschäftigen. Anstatt wichtige Informationen aus Texten „nur“ zu extrahieren, soll Legalese es ermöglichen, Verträge zukünftig so zu entwerfen, wie Programmierer Software entwickeln – indem es eine eigene Programmiersprache für Verträge gibt: L4. So erstellte, programmierte Verträge, wären für Computer vollständig lesbar, was Vertragsprüfungen extrem beschleunigen würde.

5. Lee&Ally – Digitale Rechtsberatung vom Chatbot

Das belgische Unternehmen TheJurists arbeitet aktuell an einem Chatbot namens Lee&Ally, deren Betaversion aktuell allerdings nur in Flandern zur Verfügung steht. Die Vision: Lee&Ally soll in der Lage sein, eigenständig bei rechtlichen Schwierigkeiten zu beraten. Derartige Technologie ist natürlich der Albtraum eines jeden Anwalts und steht daher auch exemplarisch für die Angst, Legal Technology könnte ausgebildete Juristen in naher Zukunft zumindest teilweise obsolet werden lassen. Diese Sorge ist tatsächlich überflüssig, denn bis ein Computer einen Anwalt ersetzen könnte, müsste noch immens viel Arbeit geleistet werden. Die Grundvoraussetzung schlechthin wäre, dass ein Computer menschliche Sprache ebenso gut verstehen kann wie wir. Davon ist Künstliche Intelligenz heute jedoch noch sehr weit entfernt.

Egal wie beeindruckt man von den Errungenschaften der Legal Technology heute schon ist oder nicht ist: Niemand sollte so naiv sein zu glauben, dass all diese Technologien mit der Zeit nicht noch beachtliche Fortschritte machen und stetig komplexere Fälle bearbeiten können werden. Es lohnt sich daher sicher die angesprochenen Entwicklungen im Bereich Legal Tech im Blick zu behalten. Denn nur wer den Überblick behält, neue Technologien kennt, selber ausprobiert und mit anderen diskutiert, formt auch mit, wohin sich die Branche entwickeln wird. Noch haben wir die Wahl!

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Hannah Martin
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