Der Mythos der Juristen: Für Standardisierung zu individuell – Interview mit Professor Breidenbach Teil I

Anlässlich der Veröffentlichung des „Rechtshandbuch Legal Tech“, erschienen im C.H. Beck Verlag, waren wir im Gespräch mit Professor Breidenbach. Ausgehend von seinem Buchkapitel „Industrialisierung des Rechts“ entwickelte sich eine lebhafte Diskussion zum „Möglichkeitsraum Legal Tech“. Es handelt sich im Folgenden um eine wörtliche Wiedergabe. Der Umgangston wurde beibehalten.

„Lego for Law“

Hannah: Wir begrüßen heute bei uns Professor Breidenbach, einer der Herausgeber des Rechtshandbuch Legal Tech und Autor des Buchkapitels: „Industrialisierung des Rechts – Industrielle Rechtsdienstleistungen. Standardisierung von Recht auf hohem Niveau“. Hierzu würden wir gerne mit dir, Stephan, ins Gespräch kommen. Ich, die ich ja einen ganz anderen Hintergrund habe, bin beim Lesen des Kapitels gleich an der Begriffsklärung hängen geblieben. Was genau meinst du mit „Industrialisierung des Rechts“? Was heißt „Industrialisierung“, was heißt „Recht“ und verwendest du die Begriffe „Industrialisierung“ und „Digitalisierung“ in deinem Kapitel eventuell synonym?

Stephan: Dann lass uns mal versuchen, das auseinander zu nehmen. Wenn man von weit oben auf die Arbeit der Juristen runterschaut, aus der Vogelperspektive quasi, dann sieht man, dass die nicht nur, aber ganz überwiegend, Texte produzieren. Und zwar vor allen Dingen Verträge, irgendwelche Dokumente und Schriftsätze. Jeder Jurist, der in Deutschland irgendwo rumsitzt. In Unternehmen, in Anwaltskanzleien und so weiter. Jeder von denen hat natürlich seinen Arbeitsbereich und macht vielleicht diesen einen Vertrag ein paar Mal, oder nur drei Mal, oder jenen Schriftsatz ganz individuell für dieses Verfahren. Das wirkt so noch sehr spezifisch. Wenn man aber eben von oben schaut, dann sieht man: da sitzen Hunderte andere, die machen das gleiche. Die machen auch gerade diesen Vertrag und einen ähnlichen Schriftsatz. Zum Beispiel: „Patient gegen Krankenkasse“ oder „der Autokäufer gegen VW“. Von hier aus gesehen besteht Recht also aus ganz vielen repetitiven Elemente. Es kommt immer wieder das gleiche vor, nur an unterschiedlichen Stellen. Daher stammt die These, dass wenn man dieses, was immer wieder gleich ist, wie einen Legobaustein gestaltet und ein System macht, mit dem man die Legobausteine zusammensteckt, dann habe ich eine Produktion standardisiert. Und wenn die Bausteine gut sind, auf hohem Niveau. Das heißt Industrialisierung: nichts anderes, als dass ich das, was früher manuell gemacht wurde – von jedem Anwalt das Rad neu erfinden lassen – einer Produktion zu überlassen, die mit Bausteinen, quasi „Lego for Law“, ermöglicht, dass ich was zusammenbaue. Und wenn der Baukasten richtig gut gestaltet ist, dann ist das einfach.

Die Digitalisierung macht die Industrialisierung des Rechts erst möglich.

Paul: Um das zu schärfen – wäre diese Art von Industrialisierung also theoretisch auch ohne Digitalisierung, ohne Computer-Unterstützung möglich? Indem man also die „Legobausteine“ auf Papier definiert, strukturiert organisiert ablegt und bei Bedarf heranzieht?

Stephan: Theoretisch wäre das möglich. Nur wäre dann ohne IT der Vorteil der Produktion lange nicht mehr so stark. Denn wie bringe ich die einzelnen Papiere dann zusammen? Klar, wenn ich das genial organisiere, geht das auch. Aber die IT gibt mir die Möglichkeit, und das ist eben unsere These, nicht nur die Bausteine zu entwickeln, abzulegen und in einem System zusammenzufügen, sondern durch eine Visualisierung die Bausteine, wie durch eine Wissensarchitektur, sichtbar zu machen. Das ist das mathematische „Next Neighbour Prinzip“ auf Juristerei übertragen: Ich suche einen Baustein und ich sehe in dieser visuellen Architektur fünf Bausteine, die unmittelbar nebeneinander liegen, die also folglich etwas miteinander zu tun haben. So sehe ich alle Alternativen genau an der Stelle, wo ich sie brauche. Und das geht nur mit IT. Das kann ich nicht auf Papier.

Hannah: Das heißt man kann sagen die Digitalisierung macht die Industrialisierung des Rechts erst möglich.

Stephan: Genau. Aber es ist auch nur die erste Stufe. Wenn jetzt die Digitalisierung weiter geht, dann gibt es zwei Entwicklungen, die auch Einfluss nehmen könnten. Nämlich die Blockchain und die Künstliche Intelligenz. Künstliche Intelligenz könnte es mir zum Beispiel ermöglichen, dass, wenn ich einen kleinen Fall oder einen Sachverhalt habe, zum Beispiel: „Ich möchte heute einen Angestelltenvertrag machen – für meinen syrischen Mitarbeiter Achmed K“, mir lernende Algorithmen aus der Fülle der Bausteine von selber die raussuchen, die ich brauche. Das ist gar nicht so weit weg.

Hannah: Wie weit ungefähr?

Stephan: Ein bis fünf Jahre würde ich sagen. Und zwar nur auf der Ähnlichkeit von Texten beruhend. Noch kein echtes Verstehen, nur Ähnlichkeit von Texten.

Paul: Das klingt realistisch.

Stephan: Ein bis fünf Jahre. Kommt auch darauf an, wie viel Ressourcen man reinschmeißt. Und das wird an jeder Stelle passieren. An der Auswahl der Bausteine, an der Überprüfung der Texte… Wenn ich zum Beispiel einen Vertrag gemacht habe, dann wird mein Algorithmus in einer großen Vertragsbibliothek checken, ob und wo ich etwas vergessen haben könnte. Zum Beispiel Klauseln, die andere normalerweise in diesen Vertrag reintun. Dann werden mir drei Klauseln gezeigt, nach dem Motto: „Warum hast du die denn nicht drin?“.

Recht wird Code

Paul: Also ein Art Benchmarking?

Stephan: Ja. Und dann kann ich sagen: „Stimmt, die hab ich vergessen“, oder „Die brauch‘ ich nicht“. An vielen Stellen wird die Künstliche Intelligenz mir weiterhelfen. Stück für Stück. Aber das geht nicht von heute auf morgen, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, bevor die Kanzleien nicht industrialisiert sind, sollten sie Künstliche Intelligenz nicht anfassen. Erstmal müssen sie ihr Zeug gerade kriegen, im Sinne von strukturieren. Zweitens sind solche Werkzeuge nur denkbar, wenn wir uns weiter dem annähern dass Recht Code wird. Also – Wet Code, aber Code. Und der wird im Folgenden immer mehr zu Dry Code. Dazwischen verschwimmen die Grenzen. Aber das wiederum bedeutet, dass Juristen präziser denken müssen, als sie es heute tun. Mit dem, was Juristen heute größtenteils aussondern und denken, kann man heute kein Computerprogramm schreiben. Und der dritte Schritt ist: Wenn man sein Zeug strukturiert hat, das heißt bausteinmäßig aufbereitet hat, dann setzt Machine Learning wie auf einem Podest auf, und hat es dadurch viel einfacher mit dem Lernen, als wenn es mit unstrukturierten Texten arbeiten muss.

Was ist das juristische Handwerk?

Hannah: Ansetzend an dein Beispiel von vorhin: Ich will einen Arbeitsvertrag machen und ein Algorithmus sucht mir automatisch die richtigen Bausteine raus. Mir sind in deinem Text die Begriffe „Handwerk“ und „Handarbeit“ aufgefallen. Wenn nun die digitalisierte juristische Arbeit mit weniger Zutun meinerseits funktioniert, ist das dann noch Handwerk für dich?

Stephan: Also zum einen braucht es auch für die industriellen Produkte immer noch einen Kopf, der entscheidet, was reinkommt. Der ist unabkömmlich. Wenn der nicht mitdenkt, funktioniert das nicht. Beziehungsweise, da wären wir in fernerer Zukunft. Und Handarbeit und Kunsthandwerk sind für mich da, wo es nicht mehr darum geht einen Baustein irgendwo einzufügen, sondern dann, wenn ich da sitze und sage: „Ja wie geht das denn jetzt? Dafür gibt’s keinen Baustein!“ Also da, wo wirkliches Nachdenken gefordert ist, wo es eben keine der 85% Standardsituation ist. Da ist die juristische Birne gefragt und die wird immer gefragt sein.

Hannah: Andererseits sprichst du ja auch über die Fertigungstiefe und darüber, dass man die immer weiter treiben kann. So weit, dass der Mensch doch irgendwann obsolet wird?

Stephan: Klar, kann man. Aber die Grenzkosten werden immer höher. Theoretisch könnte ich auch einen Ferrari industriell bauen. In der gleichen Qualität. Aber es lohnt sich nicht für die Stückzahl. An bestimmten Punkten brauche ich Handarbeit, um das zu fertigen, was ich eigentlich haben will.

Die Industrialisierung der gerichtlichen Arbeit

Hannah: Verstehe. Hiervon noch weitergedacht: Nach der Industrialisierung der Rechtsdienstleistungen – wie wird sich denn die Industrialisierung des Rechts auf die Gesetzgebung oder die gerichtliche Arbeit auswirken? Wird da auch industrialisiert?

Stephan: Fangen wir mal mit dem Gericht an. Wenn wir Standardfälle haben, zum Beispiel: Der Vermieter klagt gegen den Mieter, dann geht es da ja auch immer wieder um das gleiche. Es ist zwar eine andere Immobilie, der Treppenaufgang sieht anders aus, aber am Ende gibt es eine endliche Zahl von Schönheitsreparaturen, die man bezahlt oder nicht bezahlt, und eine endliche Zahl von Mietminderungen, die man geltend macht oder nicht geltend macht. Und wenn jetzt der Kläger mit Bausteinen arbeitet und der Beklagte mit Bausteinen antwortet, wieso soll dann der Richter nicht mit Bausteinen arbeiten? Hat doch keinen Sinn. Deshalb, auch in dem Buch, der Vorschlag, von einem ehemaligen Verfassungsrichter und mir, zu einem System, in dem Kläger, Beklagter und Richter alle auf Bausteine zurückgreifen können. Dabei aber wohlgemerkt: Der Richter muss sein Urteil verantworten und selber abgeben und wenn es nötig wird, dass er an einer Stelle noch drei Zeilen schreibt, dann muss er das machen. Man muss ja Industrialisierung nicht immer so denken, dass da alles durchläuft. Sondern das was Sinn macht.

Industrialisierung da, wo sie Sinn macht

Und beim Gesetzgeber ist es genauso. Wenn du zum Beispiel die ganzen Verwaltungsvollzüge anschaust! Wir haben mal ein Projekt zum Asylbewerberleistungsgesetz gemacht. Spaßeshalber mal gucken, Asylbewerberleistungsgesetz, ist im Internet enthalten… Versteht kein Schwein! Das könnte auch Russisch sein, das wäre das gleiche Ergebnis. Aber das muss man dann in einen Verwaltungsvollzug übersetzen. Wenn der Gesetzgeber den Vollzug mitdenken würde, würde er das Gesetz anders aufbauen. Und zwar so, dass zwar vom Ergebnis her das gleiche drin steht, aber eben so, dass die Verwaltung es modular bedienen kann. Auch die Verwaltung könnte ja industrialisiert sein. Und wenn der Gesetzgeber das gleich mitdenkt, dann wird’s genial. Und das ist so ein kleines Stück weg, aber sooo ‘nen Sprung für die Köppe, die’s machen sollen.

Paul: Das heißt also, dass man sagen kann, dass durch die Art und Weise wie ein Gesetz kodifiziert wird, die Exekution schon mitgedacht werden könnte.

Stephan: Mitgedacht und dann womöglich auch schon mit angelegt.

Paul: Ich glaube es gibt eine Frage zu der Thematik, die auf jeden Fall einmal gestellt werden muss. Wir sprechen ja davon, dass wir mit Legal Tech von der, salopp ausgedrückt, „massenhaften Maßschneiderei“ zu etwas übergehen, was man vielleicht als „Maßkonfektion“ bezeichnen könnte. Kannst du eine Aussage darüber treffen, wie breit das Anwendungsgebiet für diese Maßkonfektion ist? Sicherlich gibt es Menschen die behaupten, Rechtsdienstleistungen seien so individuell, dass sich das Bauen der Fertigungsstraße fast nie lohnt.

Der Mythos der Juristen

Stephan: Das ist der Mythos der Juristen. Das hilft, das eigene Terrain überschaubar zu halten. Aber lass uns einfach mal gemeinsam überlegen. Lass uns mal nur das Gebiet der Verträge nehmen. Nach dem 80/20 Prinzip sind vielleicht 20 Prozent der Verträge für 80 Prozent der Rechtswirklichkeit verantwortlich. Also, was immer da ist: Arbeitsverträge, familienrechtliche Verträge, Erbverträge, was auch immer. Das sind alles Verträge, die haben alle einen Vertragsgegenstand und damit eine endliche Zahl von Regelungspunkten. Denn in einem Erbvertrag regele ich zwar so einiges, aber zum Beispiel nicht die Arbeitszeit, denn die hat mit einem Erbvertrag nichts zu tun. Es gibt also eine endliche Zahl von Punkten. Und zu jedem dieser Punkte gibt es wiederum eine endliche Zahl von rechtmäßigen Regelungen. Das mögen in manchen Fällen, wenn es zum Beispiel um „drag along“ und „tag along“ Klauseln in Gesellschaftsverträgen geht, 150 verschiedene Varianten sein, aber eben trotzdem endlich. Das heißt, ich kann die erfassen und in ein System packen. Natürlich habe ich dann trotzdem noch das Problem: Wie kriege ich denn jetzt meine Richtung darin? Da bringt es mich dann natürlich auch nicht weiter, wenn ich weiß: So und so viele Optionen gibt es, die stehen in einer Excelliste. Also insofern gibt es irgendwo Grenzen. Aber ganz, ganz viel ist völlig logisch. Das sind Bausteine! Und wenn das Bausteine sind, dann besteht unser Recht ganz überwiegend aus Bausteinen. Das wollte ja bisher nur keiner wahrnehmen. Weil es einerseits der Berufsehre der Juristen widerspricht und weil andererseits die Juristen sagen: „Man muss immer den Einzelfall anschauen“. Ja! Man muss den Einzelfall anschauen. Man muss schauen, welche Klauseln denn zu dem Einzelfall passen. Das heißt aber nicht, dass ich die Klauseln auch jedes Mal neu schreiben muss.

Kartierung der Rechtslandschaft

Paul: Wenn das so ist, was ja außerordentlich plausibel klingt, dann liegt es doch eigentlich auf der Hand, dass das Feld der Verträge zunächst einmal kartiert werden müsste. Nach dem gleichen Prinzip, wie Botaniker Kartierungen von Pflanzen in einem bestimmten Gebiet machen: Alles dokumentieren, was da ist. Ist das für die Welt der Verträge mal gemacht worden?

Stephan: Wenn du die Potsdamer Straße runtergehst und in die Pohlstraße rechts reingehst, wirst du ein kleines Start Up finden, das gerade genau das macht.

Paul: Das macht deine Tochter?

Stephan: Das macht meine Tochter. Die baut erstmal, zum Start von ihrem Unternehmen, so eine Landschaft auf, die ich jetzt nicht näher beschreiben mag, weil das ihr Projekt ist. Aber danach ist sozusagen der übernächste Schritt: Wie kommen möglichst schnell möglichst viele Optionen ins Spiel, wie entwickeln wir daraus eine Karte, wie wird diese Karte modular? Also: Wie kann ich den Passus aus einem Arbeitsvertrag auch noch in einem anderen Vertrag nutzen? Was gibt es da für Module und wie sieht das international und transnational aus? Recht macht ja an der Grenze Halt. Wie sieht das also aus, wenn ich einen deutschen Arbeitsvertrag und einen britischen Arbeitsvertrag habe? Was entspricht sich da? Es gibt also noch ganz viel zu tun, aber diese Landkarte kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Frage ist nur, ob es bei den Juristen nicht länger dauert, als bei anderen. Beziehungsweise: Wer treibt die Geschäftsmodelle so schnell, dass den Juristen Beine gemacht werden? Denn wenn jetzt ganz viele kommen und sagen: „Wir machen ein Geschäftsmodell, wir machen den anderen Beine“, dann kann es schnell gehen. Aber Juristen selber, die würden das auch in zehn Jahren noch nicht umsetzen, weil sie sagen: “Warum soll ich das tun? Läuft doch jetzt schon gut. Wir haben doch jetzt genug zu tun und wenn wir das machen, dann haben wir weniger zu tun”. Leuchtet ja auch ein. Ich kann doch dann nicht mehr zu einem Unternehmen hingehen und sagen: „Ich mach dir diesen Vertrag für 5.000 Euro“. Denn dann schaut das Unternehmen mich an und sagt: „Das holst du doch aus dem Baukasten raus! 500! Max! Und zwar nur weil du deinen Stempel und die Haftung drauftust“. Ist doch klar, oder? Also – die Preise fallen, die purzeln gerade.

Wird es für schlechte Juristen leichter?

Hannah: Davon mal weitergedacht: Also wenn das, ich sag’s jetzt mal übertrieben, „einfach“ möglich wird, jemandem eine Rechtsdienstleistung anzubieten, wird es dann für „schlechte Juristen“ leichter?

Stephan: Es wird einfacher, auch für einen schlechten Juristen, ordentliche Arbeit abzuliefern, ja. Wenn der aber wirklich keine Ahnung hat, wird es immer noch Murks. Dann stimmen vielleicht die Bausteine, aber die Zusammenstellung ist völlig blödsinnig. Auch ein schlechter Jurist kann mit einem solchen System immer noch Fehler machen.

Hannah: Aber kann man schon sagen, dass das Risiko, Fehler zu machen, geringer wird?

Stephan: Wird deutlich geringer.

Hannah: Also generell werden wir mit der Industrialisierung der Rechtsdienstleistungen mehr Qualität bekommen.

Stephan: Absolut.

Hannah: Und wenn nun das Niveau insgesamt höher wird, was unterscheidet dann in Zukunft noch einen guten von einem sehr guten Anwalt?

Stephan: In Zukunft ist ein sehr guter Anwalt der, der genau das macht was ich vorhin beschrieben habe. Der kreativ ist, sich neue Lösungen ausdenkt, der weiß wie man komplizierte, oder sogar komplexe Geflechte in organisatorische, oder institutionelle Rahmen packt. So, dass das Ganze zusammenpasst. Ein richtig guter Jurist ist kreativ, hat Überblick, kann in alle Schubladen greifen, macht da was draus und gibt dann einen wirklich großartigen und individualisierten Vertrag raus, wenn es den braucht. Aber wenn du wissen willst, ob du die Schönheitsreparaturen für deinen Vermieter zahlen musst oder nicht zahlen musst, dann brauchst du den nicht.

Ein Möglichkeitsraum, den man gestalten muss.

Hannah: Das erledigt dann eines Tages gegebenenfalls sogar etwas, was frei zugänglich im Internet ist, und ich muss überhaupt keinen Anwalt mehr fragen?

Stephan: Da gibst du dann irgendeine Klausel ein und irgendein Geschäftsmodell bedient dich und sagt dir: „Mit der Klausel kannst du vor Gericht gehen!“. Es macht dir eine Prozessfinanzierung, setzt das durch und „Peng!“. Klar. Aber am Ende immer der Hinweis darauf, dass das ja alles ein Möglichkeitsraum ist, der nur in einer bestimmten Geschwindigkeit größer wird. Das wisst ihr ja am besten, weil ihr seid ja vorne in dem Triebwerk für die Geschwindigkeit von KI drin! Da kann man großartige Sachen mit machen. Ist aber auch eine völlige Fehlentwicklung denkbar. Deshalb müssen wir hingucken und sagen: „Okay, das ist möglich, aber jetzt lasst uns auch die richtigen Dinge tun. Gestalten wir das zum Beispiel dahingehend, dass wirklich mehr Leute Zugang zu Recht kriegen“. Das sollten wir nämlich tun. Es gibt eine Umfrage, die sagt, heute schrecken zwei Drittel aller Bundesbürger wegen der Kosten vor einem Prozess zurück. Das sind zwei Drittel der Leute, die, selbst wenn sie Recht haben, nicht hingehen. Das ist kein System, bei dem ich sagen würde, dass das schon optimal ist.

Hannah: Oft schreckt man ja nicht nur wegen der Kosten zurück, sondern auch weil Verfahren mitunter ewig dauern können. Meinst du das wird auch beschleunigt werden?

Stephan: Wenn alle mit Bausteinen arbeiten und das wirklich funktioniert, dann geht es irgendwann auch schneller. Würde ich jetzt einfach mal behaupten. Es wird sich beschleunigen, wenn man anfängt industriell zu arbeiten. Es kann gar nicht anders sein. Und dann kommt auch noch Predictive Analysis. Wenn vorhersehbarer wird, wie ein Prozess ausgeht, dann können auch Geschäftsmodelle darauf aufbauen und sagen: „Okay, ich finanzier das. Weil wir haben eine 70% Chance zu gewinnen. Also finanziere ich deinen Fall“.

Wem gehört dieses zentrale Wissen?

Paul: Eine Frage zum Thema Fehlentwicklung: Wenn man sagt, das Wissen, das im Moment in ganz, ganz vielen kleinen Manufakturen steckt, wird durch eine Kartierung der Rechtslandschaft und durch eine Abstrahierung und Systematisierung, an einem Ort zentralisiert, dann stellt sich ja sofort die Frage: Wem gehört dieses zentrale Wissen? Denn das zusammenzutragen wird nur mit einer gigantischen Investition möglich sein. Was sind da die Modelle und welche Gefahren verbinden sich möglicherweise mit der Zentralisierung von diesem Wissen? Denn Fragmentierung und Dezentralisierung sind ja auch immer ein Mechanismus der Demokratisierung und letztlich auch der Sicherheit für die Gesellschaft. Stichwort Facebook, Google, Amazon. Das sind solche Monopole. Wie verhindern wir, dass das auch im Recht passiert?

Stephan: Das ist wirklich eine interessante Frage, denn erstens wissen wir nicht genau, wie solche Monopole entstehen. Ist das beispielsweise zwingend, dass Facebook entsteht? Es gibt einen Aspekt daran, der ist zwingend. In der Wissensökonomie und -folge setzt sich immer einer durch.

Paul: Den Netzwerkeffekt haben wir nämlich auch da.

Stephan: Und damit und durch den Netzwerkeffekt ist das fast schon vorgegeben. Dann ist die andere Frage: Wie ist das konstruiert? Ist das dahingehend konstruiert, dass es demokratisch und durchsichtig wird, oder ist es dahingehend konstruiert, dass es ein geschlossenes System ist und dass es möglichst viel Eigengeneration und damit Profit macht? Das ist heute so, die großen Plattformen sind eben darauf getrimmt. Aber das ist ja nicht zwingend!

Paul: Es sind ja durchaus Fälle denkbar, wie der von Wikipedia. Das ist ein gutes Beispiel.

Stephan: Ja. Aber ich brauche da trotzdem ein Geschäftsmodell dahinter, sonst lebt es nicht. Viele andere Wikis sind ja nicht durchgebrochen.

Paul: Die meisten nicht. Man kann ja auch fragen: Warum war Wikipedia überhaupt erfolgreich?

Stephan: Auf jeden Fall ist es nicht zwingend, dass immer gleich diese Giganten dabei herauskommen. Man kann sowas konstruieren und anders aufsetzen, so dass es eine andere Entwicklung gibt. Davon bin ich überzeugt.

—–

Fortsetzung folgt!

Hier endet der erste Teil unseres Interviews mit Professor Breidenbach. Der zweite Teil wird im Mai 2018, ebenfalls auf unserem Blog, veröffentlicht werden. Stay tuned!

Prof. Dr. Stephan Breidenbach ist Professor für Mediation an der Universität Wien und Professor für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht und Internationales Wirtschaftsrecht an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Seit Jahren beschäftigt er sich außerdem mit Legal Tech, ist in diesem Bereich Vordenker und Vorreiter. In diesem Zusammenhang hat er das Unternehmen knowledgeTools mitgegründet, ist einer der Gründer des LegalTech Centers, das einmal im Jahr die Berlin Legal Tech Konferenz ausrichtet, und war in jüngster Zeit einer der Autoren und Herausgeber des „Rechtshandbuch Legal Tech“, erschienen im C.H.Beck Verlag (Januar 2018). Ein weiterer Schwerpunkt von Professor Breidenbach ist außerdem der Bereich Bildung und Lernende Gesellschaft.

Dr. Paul von Bünau ist Geschäftsführer bei idalab, einer in Berlin ansässigen, 2003 gegründeten Agentur für Data Science, die sich auf Maschinelles Lernen, Künstliche Intelligenz, mathematische Modellierung und Data Strategy spezialisiert hat. idalab berät eine Vielzahl von Kunden im Bereich Bankwesen, Mobilität, Biotechnologie, im digitalen Sektor und darüber hinaus. Paul von Bünau studierte Mathematik, Informatik und Physik und promovierte im Bereich Statistische Datenanalyse.

Hannah Martin ist seit 2017 bei idalab als Communications Assistant verantwortlich für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Darüber hinaus ist sie Diplom Autorin für Film- und Fernsehen (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin), schreibt Drehbücher und realisiert Kurzfilme.

—–

Foto© Titelbild: Merav Maroody

Foto© Portrait Stephan Breidenbach: David Ausserhofer

Contact the author
Hannah Martin
+49 (30) 814 513-24
Subscribe
Share